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An dieser Stelle habe ich Ihnen einige meiner wichtigsten Texte zusammengestellt. Dabei decke ich eine große Spanne der Entstehungszeit ab. Die ältesten Arbeiten habe ich in der Zeit meines Hochschulabschlusses geschrieben. Meine Diplomarbeit „Die Anwendung der Clausellehre des 17. Jahrhunderts im Theorieunterricht“ ist der erste Versuch, eine alternative Theorie der Mehrstimmigkeit vorzulegen. Dabei liste ich nicht einfach nur Sequenzmodelle auf, sondern beschreibe deren jahrhundertelange Entwicklungen und deren kontrapunktische „Physik“auf der Grundlage der Klausellehre. Das impliziert, daß ich wegkommen möchte vom Axiom des Akkords zugunsten einer konsequent melodisch-flächigen Sichtweise. Die Phänomene, die ich darstelle, sind nicht auf einen Komponisten oder eine Epoche beschränkt, sondern sind überindividuell und metahistorisch. Die „Wissenschaftlichkeit“ dieser Arbeit ist manchmal spielerisch, manchmal unzulässig vereinfachend, manchmal penibel und zielt klar auf eine praktische Anwendung im Kontext der historisch-stilgebundenen Improvisation und des Generalbasses ab. Als Vorbereitung für diese Arbeit ist die Schönberg-/Brahms-Analyse entstanden. Hier entdeckte ich den übergroßen Reichtum des Phrygischen in all seinen kontrapunktischen Facetten. Daß die Erkenntnisse dazu geeignet waren, die Contrapunctus 3 und 4 aus Bachs „Kunst der Fuge“, die 4. Sinfonie von Brahms und das erste Klavierstück aus op.. 19 von Schönberg in einen Zusammenhang zu stellen, war für mich überraschend und zunächst gar nicht intendiert.

Zu diesem Thema, an dem ich schon früh mit großer Begeisterung gearbeitet hatte, schrieb ich später das Buch „Generalbaß und Improvisation“. Dessen Konzeption ist weniger ein Übungsband als eine umfassende Harmonielehre. Einerseits gehe ich ordnend enzyklopädisch vor, was unser musikalisches Vokabular betrifft. Anderseits habe ich hier die genealogische Methode älterer Arbeiten verfeinert. Die melodischen und kontrapunktischen Vorgänge, die jenes Vokabular kennzeichnen, beschreibe ich in ihren verschiedenen Stadien und Entwicklungslinien, deren Zentrum eine umfassende und gleichzeitig knapp zusammenfassende Kategorisierung der Generalbaßziffern ist. Diese Kategorisierung paßt auf den berühmten „Bierdeckel“. Auf ihm ist unsere abendländische Harmonik vom 15. bis ins 20 Jahrhundert hinein zusammengefasst. Ich glaube, für mich in Anspruch nehmen zu können, hiermit einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Musiktheorie und der Überbrückung der klassischen Antinomie von Harmonielehre und Kontrapunkt geleistet zu haben.

Die „Studien zur Mehrstimmigkeit“ führen diese frühen Ansätze fort, vereinfacht die Begrifflichkeit und verfeinert die Methode. Ihre Systematik und Begrifflichkeit ist weitgehend eigengeprägt und entwickelt. Sie fußt auf historischen Quellen und löst sich doch gleichzeitig von ihnen, um einen eigenen Weg zur Mehrstimmigkeit vom frühen 16. bis ins späte 19. Jhd. hinein zu finden. Dieser Weg ist geprägt von einem Erkenntnisdrang, der durchaus fragend und relativierend ist, aber auch im Dienste der praktischen Handhabbarkeit in der Generalbaß- und Improvisationspraxis steht. Einmal habe ich die klassische Form des "Discorso", also des Lehrer-Schüler-Dialogs gewählt, als ein Experiment, nur aus Spaß ("Anmerkungen zur Capacitas Sextae"). Demgegenüber sind die "Anmerkungen zur Acquiescens" ein eher wissenschaftlicher Text, der den Plagalschluß näher untersucht. Die Form dieses Buches ist offen. Es besteht eigentlich aus Einzelaufsätzen oder -vorlesungen, die sich aber doch, so meine Hoffnung, zu einem Ganzen weben. Der offene Charakter dieser Sammlung macht es mir möglich, sie laufend durch neue Aufsätze zu ergänzen.

Der Aufsatz „Sammlung oder Zyklus?“ war ursprünglich gedacht als ein Vorwort oder 1. Kapitel eines Buches über Bachs „Kunst der Fuge“. Im Laufe der Arbeit ist dieser Text unter meinen Händen gewachsen und hat sein Recht auf Eigenständigkeit eingeklagt. Er ist aus meinen Hamburger Vorlesungen erwachsen. Im Grunde ist er ein Beitrag zum Formverständnis J.S. Bachs, dargestellt an seinen großen Lehrwerken.

Unter die Rubrik Form ordne ich auch das Büchlein „Florestan und Eusebius“. Es geht um das Klavierkonzert a-moll von Robert Schumann - jedoch nicht als bloße Analyse, sondern als Vademecum für Pianisten und Klavierbegeisterte, die dieses Werk studieren und an Hintergrundinformationen interessiert sind. Diese sind zunächst kulturhistorischer Natur, der Frage nachgehend, was „Romantik“ ab origine eigentlich ist: im Allgemeinen, auf Schumann bezogen und auf sein Klavierkonzert bezogen.

Der Text „Die Fuge zwischen Rezeption und Wandel“ fußt zwar auf historischen Quellen und ist daher ein eher musikwissenschaftlicher Text. Dennoch ist er nicht denkbar ohne meine improvisatorischen und improvisationsdidaktischen Erfahrungen, in diesem Fall speziell der Fugenimprovisation. Man kann ihn ebenso als „Anleitung zur Fugenimprovisation“ lesen, mindestens als deren Einstieg.

Der frühe Aufsatz über das seinerzeit viel diskutierte und -bestaunte Phänomen der „Postmoderne“ ist ein verschriftlicher Vortrag, in dem ich die Gelegenheit nutze, grundsätzlich meiner Neigung zu metahistorischen Sichtweisen nachzugehen, indem ich die postmodernen - und somit auch die modernen - Züge weit auseinanderliegender Epochen in einem Zusammhang sehe und gleichzeitig die Unterschiede der Postmoderne in der Musik zur der Postmoderne in der Philosophie herausarbeite.